Nachdem sich die KMK vor etwas mehr als einem Jahr zur "Bildung in der Digitalen Welt" geäußert hat, schien mir der Antrag der FDP zur Digitalen Bildung in der Sitzung des Hessischen Landtags am 21.3.2018 die Möglichkeit zu bieten, kompetent zu dem Thema zu debattieren. Meine Motivation zur Beschäftigung mit diesem Thema ergibt sich aus jahrzehntelanger Erfahrung als IT-Profi und der Arbeit als Lehrer für PoWi und Informatik an einem hessischen Gymnasium.

Also machte ich mich auf, um diese Debatte live im Landtag zu anzuschauen. Wie ich diese Debatte erlebt habe? Eine Offenbarung!

Hintergründe

Zu Beginn der Debatte wies der Antragsteller Abgeordneter Greilich (FDP) auf etliche Lücken in der aktuellen "Bildungspolitik in der digitalen Umwelt" hin: mangelnde Ausbildung und Weiterbildung der Lehrerinnen und Lehrer, nur unzureichende Realisierung der Beschlüsse der KMK zum Thema "Bildung in der digitalen Welt", der Hinweis darauf, dass schule@zukunft nicht verstärkt wurde, kaum fachkompetente Wartung und Weiterentwicklung bereits bestehender Infrastrukturen und die Verzögerungstaktik der Landesregierung bei den Investitionen.

Leider musste ich feststellen, dass im Fortgang der Plenumsdiskussion ein Großteil der Beiträge nur bedingt das Thema erfassten und Konsequenzen aus den sich ergebenden Anforderung zogen.

Die während der Debatte vertretenen Positionen fußen auf sehr verschiedenen Tendenzen und Strategien im Umgang mit Digitalen Medien und Technologien im Bildungsbereich. Der Begriff der Digitalisierung wurde dabei ganz unterschiedlich verstanden und genutzt. Für mich schälten sich folgende Aspekte heraus:

Ausstattung

Eine erste Tendenz in der Debatte um Digitale Bildung ist, unter Digitalisierung der Schulen lediglich die Ausstattung mit Hardware zu verstehen. In der Hoffnung, die Schulen, die Lehrer, die Eltern würden die notwendigen pädagogischen Konzepte schon bereit haben, sollen die Schulen mit Hardware oder schneller Internetanbindung ausgestattet werden.

Ablehnung und Verleugnung

Eine weiteres Konzept im Umgang mit Informationstechnologien ist die Verleugnung oder Ablehnung. Die Konsequenz: Es werden keine ernsthaften Anstrengungen unternommen, die Entwicklungen in den Informationstechnologien zu verstehen und zu gestalten.

Der Beitrag des Abg.Veyhelmann(CDU) ist ein gutes Beispiel dafür: Der Abgeordnete verweist zu recht darauf, dass "Digitalisierung mehr ist als das bloße Implementieren vom Technik". Im folgenden bezieht er sich dann auf die Arbeit der Landesmedienanstalt und der Hessischen Lehrkräfteakademie, die vor allem das Konzept der Medienbildung vorantreiben.

Eigene Konzepte des Vertreters der CDU-Fraktion sind nicht erkennbar, Verweise auf andere können diese Leerstelle nicht füllen. Und nur auf die Gefahren der Nutzung der Medien hinzuweisen ist kein Konzept für die Gestaltung der Zukunft. Aus meiner Sicht eine enttäuschende Stellungnahme.

Ebenso habe ich Konzepte für die künftige Entwicklung in der Stellungnahme der Abg. Faulhaber (Die Linke) vermisst. Sie konstruiert einen Gegensatz von Kreativität und Medienbildung auf einer allgemeinen Ebene, der so nicht besteht. Damit wird verkannt, was Medienbildung gerade für die kreative Entwicklung von Kindern bedeuten kann. Immerhin aber fordert sie vollkommen zu Recht, dass die offenen Fragen der Digitalen Bildung dringend diskutiert werden müssen.

Medienbildung

Ein drittes Konzept ist das der Medienbildung. Diese versucht, Schülerinnen und Schüler den bewussten und selbstbewussten Umgang mit den digital gestützten Medien zu vermitteln. Die erforderlichen Medienkompetenzen der Schülerinnen und Schüler sind Grundlage, um Teilhabe und Gestaltung zu ermöglichen.

Im Beitrag der Abg. Geis der SPD kam die gesellschaftliche Spaltung bei unterschiedlichen Nutzungsmöglichkeiten Digitaler Medien durch Schülerinnen und Schüler zum Ausdruck. Ihr im übrigen von Sachkenntnis geprägter Beitrag macht deutlich, in wie weit die Teilhabe an gesellschaftlichen Prozessen mit den Kompetenzen im Digitalen zusammenhängt und welche gesellschaftliche Bedeutung Medienbildung besitzt.

Medienbildung allein greift aber zu kurz, da sie nur die Anwendungsseite von Digitalen Medien beleuchtet. Ein Wissen um die zu Grunde liegenden technischen Verfahren wird damit nur unzureichend vermittelt.

Programmieren

Zum Vierten ist zu beobachten, dass es immer mehr kommerzielle Versuche gibt, Kindern und Jugendlichen das Programmieren zu vermitteln. Große Firmen wie Google, Microsoft, Cornelsen-Verlag versuchen durch verschiedene Angebote die Kodierfähigkeiten von Kindern und Jugendlichen zu entwickeln. Sicher ist es schon ein Vorteil, wenn Kinder und Jugendliche mal ein Miniboard wie Calliope in der Hand hatten und auch selbst mal ein Stück Code schreiben konnten. Übrigens ein durchaus kreativer Prozess.

Problematisch dabei ist die Reduzierung digitaler Kompetenzen auf die reine Kodierfähigkeit. Zusätzlich stellt sich als fragwürdig dar, inwieweit die entsprechenden Firmen auf diese Weise Produktplatzierung betreiben. Nicht umsonst war Google auf der Didacta prominent vertreten.

Auf diese unter der Hand ablaufende Durchsetzung von Konzepten Digitaler Bildung ist aber keine der Fraktionen eingegangen.

Informatische Grundbildung

Wenn man von Digitaler Bildung spricht sollte man auch die technologischen Grundlage der digitalen Entwicklungen ansprechen. Für die Gestaltung der Zukunft ist Basiswissen in der verwendeten Technologen unabdingbar. So wie in Folge der industriellen Revolution die Fächer Chemie und Physik in die Schulen kamen, ist die Vermittlung informationstechnischer Kenntnisse grundlegend für das Verständnis gesellschaftlicher, wirtschaftlicher und wissenschaftlicher Entwicklungen.

Dazu reicht das Vermitteln von Programmierkenntnissen nicht. Nur wer auch grundlegende Kenntnis von Verschlüsselung, das Funktionieren eines Netzwerks, den Charakter von Algorithmen hat, kann auch kompetent über Entwicklungen wie Soziale Netzwerke, Cloud oder Internet of Things sprechen. Wie das auch bereits in der SI gut funktionieren kann, haben die Bundesländer Bayern und Baden-Württemberg gerade gezeigt.

Hier waren die Beiträge der Abgeordneten aller Fraktionen lückenhaft, als einziger hat der Abg. May wenigsten in einem Halbsatz am Ende seiner Rede dieses Thema erwähnt. Allerdings verwechselt der Abg. May in weiten Teilen Digitalisierung mit Mediennutzung, die nur ein, wenn auch elementarer, Bestandteil Digitaler Bildung ist.

Konklusio

Was ich nach dieser für mich ernüchternden Debatte erhoffe, ist eine weitere und auch fundiertere Beschäftigung der Abgeordneten des Landtags mit diesem Thema. Eine gute Grundlage dazu ist der Beschluss der KMK zum Thema "Bildung in der digitalen Welt".

Um voran zu kommen, gibt es in Hessen einige vielversprechende Ansätze der Medienbildung, die vor allem im Rahmen der Lehrkräfteakademie weiter ausgebaut werden könnten.

Allerdings ist die Unterstützung der Lehrerinnen und Lehrer durch das Kultusministerium doch dürftig. Der Staatssekretär des Kultusministeriums verwies auf die unterschiedlichen Angebote für Lehrerinnen und Lehrer. Allerdings lassen die einzigen von ihm genannten Zahlen Schlimmes ahnen: Er nannte 350 TeilnehmerInnen bei den Schulungen zum Internet-ABC und 400 Lehrerinnen als Teilnehmerinnen der Angebote des Hessischen Rundfunk. Bei einer Gesamtzahl von rund 60.000 Lehrern in Hessen sind das gerade mal etwas mehr als 1(ein) Prozent aller Lehrerinnen und Lehrer. Inwieweit die anderen Angebote der Hessischen Lehrkräfteakademie tatsächlich wahrgenommen werden (können) bleibt im Dunkeln.

Ganz praktisch würde ich mir wünschen, dass kurzfristig die Aus- und Weiterbildung von Lehrerinnen und Lehrern in Medienkunde und informatischer Grundbildung erheblich ausgeweitet wird.

Schön wäre weiterhin, wenn die von der Abg. Faulhaber angeregte Diskussion um die Ziele digitaler Bildung so schnell wie möglich kompetent geführt würde.

Und es wäre sicherlich angebracht, das Ende 2015 von Herrn Lorz angekündigten Kerncurriculum "Informatik" für die SI endlich nach über zwei Jahren umzusetzen. Ein Blick auf die Nachbarländer Bayern und Baden-Württemberg wäre da ganz hilfreich.