bullshit jobs

Bullshit-Jobs

Alle hatten wir schon mal das Gefühl, dass ausgerechnet das, was jetzt unbedingt erledigt werden muss, vollkommen überflüssig ist. Eigentlich könnte man die aktuelle Tätigkeit auch sein lassen

Diese Erfahrung vieler Menschen war der Ausgangspunkt eines kleinen Artikels von David Graeber im Frühjahr 2013. Er vertrat darin die These, dass der technologische Fortschritt es eigentlich ermöglichen würde, nur noch eine 15-Stunden-Arbeitswoche zu haben. In seinem Artikel suchte er nach Antworten auf die Frage, warum wir dennoch bis heute 40 oder mehr Stunden arbeiten.

 

Die Reaktion auf diesen Artikel war so umfangreich, dass Graeber dieses Thema in seinem neuen Buch „Bullshit-Jobs“ (Klett-Cotta, 2016) erneut aufgriff.

Grundlage seiner Argumentation sind u.a. Umfragen von YouGov, einem führenden britischen Meinungsforschungsinstitut, das 2016 feststellte, dass 24 Prozent der amerikanischen, 35 Prozent der deutschen und sogar 37 Prozent der britischen Arbeitnehmer ihren Job für sinnlos halten. Seine Darlegungen fußen ebenso auf einer Untersuchung aus den USA, die ermittelte, dass lediglich rund 39% der Arbeitszeit von Angestellten auf die Ausführung der eigentlichen Haupttätigkeit aufgewendet werden, der Rest sind Verwaltungstätigkeiten.

Vor allem im Bereich der Bürokratie, des Managements finden sich häufig Arbeiten, die vollkommen sinnlos sind oder es entstehen sogar Situationen, in denen Menschen schlicht überhaupt nichts machen.

Vor diesem Hintergrund definiert Graeber Bullshit-Jobs als bezahlte Arbeit, von der die Menschen, die sie ausüben, sagen, dass sie sinnlos sei und nichts zur Entwicklung der Gesellschaft beitragen würden. Er erläutert die Definition mit dem Beispiel eines Mafia-Killers: Gesellschaftlich gesehen ist dieser Job sicherlich sinnlos, unter dem Aspekt, dass der Mafia-Killer seine Arbeit als sinnvoll erachtet, handelt es sich nicht um einen Bullshit-Job.

Graeber unterscheidet verschiedene Typen von Bullshit-Jobs: So gibt es die Lakaien, Leute, deren hauptsächliche Arbeit darin besteht, nach außen ein Teil der Repräsentation der Bedeutung einer anderen Person zu sein, beispielsweise Rezeptionisten in großen Firmen. Es gibt die Schläger, deren Bedeutung in der aggressiven Außendarstellung von Institutionen und bedeutsamen Personen liegt wie zum Beispiel dem Militär oder der Werbung. Graeber beschreibt, dass die Flickschuster reparieren und ausgleichen, was bei besserer Organisation nicht als Fehler auftreten würde. Die Kästchenankreuzer dienen dazu, nach außen Aktivitäten vorzutäuschen, die gar nicht wirklich durchgeführt werden. Statt dessen werden Formulare ausgefüllt und Präsentationen erstellt, die niemand weiter verwendet. Aufgabenverteiler sind Personen, die anderen unnötige Arbeiten vorschreiben oder sogar neue Jobs erfinden, die Bullshit-Jobs sind. Diese Jobs finden sich häufig im mittleren Management, wo sie Aufgaben verteilen und überwachen, die die Untergebene auch ohne ihre Einwirkung machen würden.

Für jemand, der den Großteil seiner Arbeit als sinnlosen Aktionismus empfindet, sind Bullshit-Jobs anstrengend: Der andauernde Zwiespalt, der eigenen Arbeit einen Sinn abzugewinnen und gleichzeitig aber zu wissen, dass diese Arbeit sinnlos ist, stürzt die meisten in einen moralischen und psychischen Widerspruch, der nur schwer auszuhalten ist. Es entsteht das Elend der Heuchelei, der persönlichen Entwertung und der erzwungenen Untätigkeit. Nur wenige schaffen es, im Rahmen dieser unnötigen und überflüssigen Arbeiten die ihnen zugewachsenen Freiräume mit anderen Tätigkeiten als den ihnen zugedachten zu verbringen.

Warum gibt es Bullshit-Jobs?

Einige Gründe werden schon bei der Beschreibung dieser Jobs geliefert: So werden Lakaien gebraucht, um die Bedeutung des Vorgesetzten zu erhöhen, oder Kästchenankreuzer, um Aktivitäten vorzutäuschen. Graeber versucht aber auch historisch-soziologische Ursache darzustellen. Dabei beobachtet er mehrere Tendenzen der Bürokratisierung:

1. Ideologie der Vollbeschäftigung

Von Politikern wird als wichtiges Ziel der Volkswirtschaft die Vollbeschäftigung ausgegeben. Daher werden sehr erfolgreich verschiedene Mittel der Strukturpolitik genutzt, um Arbeitsplätze zu schaffen, ohne auf die Sinnhaftigkeit dieser Arbeit zu beachten. Dahinter steht die Vorstellung, dass Arbeit für jeden Menschen eine Notwendigkeit zu sein habe.

2. Machtergreifung der Verwalter

An den Universitätsverwaltungen in den USA und Großbritannien kann man erkennen, dass sich seit den 80er Jahren des vorigen Jahrhunderts eine Kaste von Managern gebildet hat, die ihre Arbeitsaufwände und damit ihre Bedeutung immer weiter vergrößert hat.

3. Verschmelzung von Produktiv- und Finanzkapital

In den 70er Jahren haben die großen Konzerne sich noch auf die Herstellung von Produkten konzentriert. Seitdem hat sich die Haupttätigkeit immer mehr auf die Organisation der Finanzierung und der Serviceleistungen verlagert.

4. Neue Dienstleistungen

Vor allem im Finanzsektor, aber auch in der sogenannten „Kreativbranche“, werden neue Aufgabe/Produkte/Serviceleistung erdacht, mit denen Gewinne erzielt werden sollen. Angebliches Ziel dieser Angebote ist die Effizienzsteigerung für die Kunden. Losgelöst von realer Produktion von Dingen wird die Verwaltung aufgebläht, um mit Hilfe der Informationstechnologien Umsätze zu erlösen. Beliebte Mittel sind die bewusste Erhöhung der Aufwände, die Beraterfirmen ihren Kunden in Rechnung stellen oder die Erfindung immer neuen Beratungsbedarfs.

Auf diese Weise entsteht ein von Graeber so genannter Managerfeudalismus, der die Aneignung, Verteilung und Zuweisung von Geld und anderen Ressourcen organisiert. Dabei spielt die Hierarchiestufe eine wichtige Rolle: Je höher die Position, desto weniger Kompetenz ist nötig. Die von Graeber so bezeichneten „echten“ Arbeiten werden von Personen durchgeführt, die in der Hierarchie unten stehen, und die nur einen kleinen Teil der Ressource zugeteilt bekommen.

Woher kommen die Bullshit-Jobs?

Bei den Überlegungen zu den Ursachen grenzt er sich von denjenigen ab, die versuchen die Strukturen der Bürokratie unter wirtschaftliche Aspekten zu sehen und ihnen einen wirtschaftlichen Wert zuzumessen.

Er kritisiert damit zum Einen die Positionen der Neoliberalen, die vor allem zwei Argumente formulieren.

1. Arbeiten sind notwendig, sie werden aber von den Menschen nicht als notwendig erkannt, weil sie so komplex sind, dass keiner mehr den Durchblick hat.

2. Ursache für die Bürokratisierung sind die durch den Staat vorgegebenen Regeln, die alles schwieriger machen.

Zum anderen wendet er sich gegen die marxistische Interpretation, dass jegliche Lohnarbeit im Rahmen des kapitalistischen Systems einer Wertlogik unterliegt.

Für Graeber handelt es sich beim Managerfeudalismus so wie beim echten Feudalismus um vorwiegend politisch-ideologische begründete Machtverhältnisse. Und wie im ursprünglichen Feudalismus gibt es keine direkte wirtschaftliche Begründung für diese Strukturen, sie sind aus den politischen Strukturen der letzten Jahrzehnte erwachsen.

Liste offener Punkte

Graeber beschreibt ausführlich und gut nachvollziehbar, dass in den letzten Jahrzehnten der Umfang an gesellschaftlich sinnvollen Arbeiten erheblich angewachsen ist. Aber seine Analyse der Ursachen und seine Schlussfolgerungen lassen für mich noch einige Fragen offen.

1. Die These, dass ein neuer Managerfeudalismus entstanden sei, der letztlich auf die Durchsetzungsfähigkeit einer sozialen Gruppe zurückzuführen ist, scheint mir dann doch zu kurz gegriffen. Es reicht m.E. nicht, einer gesellschaftliche Gruppe Machtgier zu unterstellen, um die Zusammenhänge zu verstehen. Zu einfach, zu banal. Ist es tatsächlich möglich, abgekoppelt von den Notwendigkeiten der ökonomischen Strukturen, eine eigene feudalistische Struktur zu entwickeln?

2. Selbsteinschätzung und Bewertung

Ausgangspunkt der Überlegungen Graebers sind die Selbsteinschätzungen von Menschen, die ihre Arbeit als unnötig und sinnlos ansehen. Bei der Beschreibung der Bullshit-Jobs wird aber deutlich, dass Graeber nicht nur die subjektiven Aussagen der Beschäftigten zur Definition der Bullshit-Jobs heranzieht. Er setzt sozusagen „hintenrum“ inhaltliche Kriterien, was denn eine sinnvolle Arbeit sein könne. So spricht er an verschiedenen Stellen von „echter Arbeit“, die im Gegensatz zu den Bullshit-Jobs steht, und beurteilt dann auf Grundlage seiner eigenen inhaltlichen Vorstellungen, was Bullshit-Jobs sind und was nicht.

3. Wert und Werte

Wenn Graber von „echter“ Arbeit spricht, nutzt er ein Raster, das geprägt ist von der Unterscheidung von „Wert“ und „Werten“. „Wert“ ist ein ökonomischer Begriff, der dazu dient, im Warenverkehr einen „gerechten“ Tausch zu ermöglichen und Arbeit zu entlohnen. „Werte“ bezeichnen alles das, was gesellschaftlich sinnvoll ist und die Gesellschaft weiter bringt und nicht in Geld zu berechnen ist. Er stellt damit auch in Frage, dass nur Arbeit gegen Geld und in den bestehenden Beschäftigungsverhältnissen anerkannt wird.

Diese Unterscheidung ist zwar analytisch nicht besonders tragend, kann aber helfen, Maßstäbe dafür zu entwickeln, was gesellschaftlich angestrebt werden kann. Und hier lohnt es sich aus meiner Sicht, weiter zu überlegen und positive Utopien zu entwickeln.