Laplacescher Daemon

Laßwitz – Auf zwei Welten

Kurd Laßwitz (1848 - 1910) - Physiker, Mathematiker und Gymnasiallehrer - gilt als einer der ersten deutschen Science-Fiction Schriftsteller. Laßwitz konnte noch ungebrochen Naturwissenschaft und Technik in die Tradition von Aufklärung und gesellschaftlichem Fortschritt stellen.

Inhalt

Die Bevölkerung des Mars kann auf überragende Technologie und uralte historischen Erfahrungen beim Aufbau einer vielfältigen und friedlichen Gesellschaft zurück greifen. Die wichtigsten technischen Errungenschaften sind die Beherrschung der Gravitation und die umfassende Nutzung von Solarenergie. Sie bilden die materielle Basis einer marsumfassenden Staatengemeinschaft und von Gesellschaften, die auf Frieden und gegenseitigem Respekt beruhen.

Ende des 19. Jahrhunderts, zeitlich nahe dem Datum der Veröffentlichung des Romans, landen Bewohner des Mars auf der Erde. Ihre Absicht ist, auf friedliche Weise ihre Vorstellung von Fortschritt auf der Erde zu verbreiten und im Austausch damit eine leichtere Nutzung von Sonnenenergie zu erreichen.

Der erste Kontakt zwischen Menschen und Marsianern gestaltet sich aber kriegerisch, weil die Menschen nicht die Überlegenheit der Marsianer akzeptieren wollen. Im darauf folgenden Konflikt besiegen die Marsianer mit Hilfe ihrer überlegenen Technologie die Menschheit und errichten eine Erziehungsdiktatur, die die Erde auf den technischen und ideologischen Stand der Marsianer bringen soll.

Auf der marsianischen Seite bricht durch den Kontakt mit den Menschen der jahrtausende alte Friedenszustand zusammen und militaristische sowie kolonialistische Strömungen erstarken. Diese sind bestrebt, die Erde zu beherrschen und auszubeuten. Nach einigen Auseinandersetzungen gewinnen die Menschen ihre Autonomie wieder, auch mit Unterstützung der friedliebenden Kräfte bei den Marsianern.

Technik führt zu sozialem Frieden

Einige Passagen in diesem Roman, insbesondere manche Beschreibung von Liebesszenen, erscheinen uns heute kitschig, was manchmal den Text schwer lesbar macht. Bemerkenswert sind zwei Aspekte:

Zum einen formuliert Laßwitz eine deutliche Kritik an der Ideologie des Kolonialismus zu einem Zeitpunkt (1898), in der das deutsche Reich versuchte, im kolonialistische Wettrennen das Versäumte nachzuholen. Der Staatssekretär des Äußeren von Bülow sagte dazu im Reichstag 1897: „Mit einem Worte: wir wollen niemand in den Schatten stellen, aber wir verlangen auch unseren Platz an der Sonne.“

Zum anderen ist für uns heute die Unbefangenheit verblüffend, mit der Technik und Wissenschaft an sich eine positive gesellschaftliche Wirkung zugeschrieben wird. Die Nutzung der Solarenergie hat auf dem Mars eine reiche und sozial ausgeglichene Gesellschaft ermöglicht, die Beherrschung der Gravitation beschleunigt den Transport und den Austausch der Marsianer untereinander und bei aller Industrialisierung wird in großem Maß der Naturschutz gefördert.

Laßwitz beachtet dabei in hohem Maß die Ende des 19. Jahrhunderts bekannten Naturgesetze und verlässt bei aller Phantasie nie den naturwissenschaftlichen Boden. Sein Text ist „Science Fiction“ also wissenschaftliche Fiktion im exakten Sinn und nie „Phantasy“. Das hat sicherlich auch seine Gründe darin, dass Laßwitz Lehrer für Mathematik, Physik, Philosophie und Geographie an einem Gymnasium war.

Dominik – Flug in den Weltraum

Hans Dominik (1872 - 1945) war vor allem in den 20er Jahren ein viel gelesener SF-Autor, der übrigens auch Schüler von Kurd Laßwitz war. Er beschreibt in seinem Roman „Flug in den Weltraum“ von 1940 die Entwicklung von radioaktiver Strahlung als Treibstoff für Fluggeräte. Auch bei ihm finden wir wieder die positive Darstellung von Wissenschaft und Technik.

Inhalt

In einem Forschungslabor in einer deutschen Kleinstadt wird entdeckt, dass sich radioaktive Strahlung für den Antrieb von Fahrzeugen jeglicher Art genutzt werden kann. Von dieser Entdeckung erfahren auch Wissenschaftsteams aus Japan, Groß-Britannien und den USA. Es entsteht ein friedlicher Wettlauf um die Nutzung dieser neu entdeckten Antriebsmöglichkeit von Luft-und Raumfharzeugen. Nach mehreren geglückten Unternehmungen und misslungenen Versuchen, kommen die unterschiedlichen Forscherteams zu einer gemeinsamen Forschungsarbeit.

Internationalität vs. Nationalismus

Otto Hahn gelang 1938 die erste Kernspaltung. Im Folgenden entwickelte Lise Meitner, die mit Hilfe von Hahn aus Deutschland emigriert war, die Forschungsarbeiten weiter. Bekannt war damals bereits, dass die Kernspaltung große Mengen an Energie in Form radioaktiver Strahlung freisetzt. Dies bildete die wissenschaftliche Grundlage für den Roman Dominiks. Er hielt sich dabei, wie auch sein Lehrer und Vorbild Laßwitz, an die damals bekannten wissenschaftlichen Erkenntnisse. Daher sind seine Romane keine Fantasy, sondern der Versuch, aktuelle wissenschaftliche Erkenntnisse weiter zu denken.

Die Utopie einer internationalen Forschergemeinde, die gemeinsam an neuen Erkenntnissen arbeitet, steht in deutlichem Gegensatz zur historischen Situation 1940: bereits 1939 gab es den Einmarsch nach Polen, die nationalistische und kriegstreibende Propaganda der damaligen deutschen Regierung war nicht zu überhören. Dominik entwarf das Bild einer neutralen Wissenschaft, die aus sich heraus weiter entwickelt wird. Und diese wissenschaftliche Neutralität scheint automatisch Frieden und Wohlstand zu bringen.

Herbert W.Franke – Tod eines Unsterblichen

Bei Herbert W, Franke (geb. 1927) - Physiker, Mathematiker, Zukunftsforscher -  sind anders als bei Laßwitz und Dominik Wissenschaft und Technik nicht mehr eindeutig, ihre Ziele und Ergebnisse sind eingebettet in gesellschaftliche, politische und kommerzielle Interessen.

Inhalt

Der von dem österreichischen Physiker Herbert W. Franke geschriebene Roman „Tod eines Unsterblichen“, 1982 bei Suhrkamp erschienen, spielt in einer fernen Zukunft auf Nathan4, einem Planeten, auf dem die besten Wissenschaftler der Erde ausgesiedelt wurden, um dort die Naturwissenschaft voran zu treiben.

Der Neurologe Arvid Sigler hat den Auftrag, einen schwer erkrankten Wissenschaftler nach Nathan 4 zu bringen, weil nur dort Heilungschancen bestehen. Die Landung auf dem Planeten misslingt, Sigler wird von Militärs festgenommen und muss, obwohl er ständig auf seinem ursprünglichen Auftrag besteht, an Weltraumkriegen teilnehmen. Die Kriegshandlungen scheinen real zu sein, erweisen sich später aber als virtuell.

Im zweiten Teil des Romans wird Sigler in die Forschungsstruktur auf Nathan 4 versetzt, er wird als Wissenschaftler anerkannt, aber von seiner ursprünglichen Aufgabe ferngehalten, die Genesung des mitgebrachten Wissenschaftlers voran zu bringen. Gleichzeitig ist er aber auch Objekt psychologischer Forschung, die die Steuerung menschlicher Verhaltensweisen zum Ziel hat. Er erfährt dort auch, dass es angeblich unmöglich sei, zur Erde zurück zu kehren. Gegen diese Strukturen der wissenschaftlichen Verantwortungslosigkeit gibt es eine Gruppe Widerständler, die Kontakt zu ihm aufnimmt.

Im dritten Teil des Romans gelangt Sigler in die Sphäre der Verwaltung und Politik. Die dort herrschenden Mächtigen verstehen sich als diejenigen, die Wissenschaft und Militär steuern, um Chaos zu verhindern.

Sein Widerstand gegen einen solchen Machtmissbrauch und die ethisch unverantwortliche Nutzung von Wissenschaft führt dazu, dass Sigler die Gruppe Widerständlern unterstützt. Am Ende gelingen Sigler und den anderen Widerständlern die Vertreibung der Macht habenden Verwalter. Die weitere Entwicklung von Nathan 4 bleibt offen.

Kafkaeske Wissenschaft

In diesem Roman, wie auch in den meisten anderen SF-Romanen seit 1945, haben Wissenschaft und Technik die Verheißung verloren, der Menschheit Frieden und Fortschritt zu bringen. Zwar gibt es immer neue Erkenntnisse in den Naturwissenschaften, aber sie werden in ihrer Struktur und mit ihren Folgen nicht verstanden. Sie entwickeln sich immer mehr zu anonymen Mächte, sie scheinen mehr und mehr das Leben der Menschen zu beherrschen, ohne beeinflussbar zu sein.

Dass technische Möglichkeiten zur Manipulation und Unterdrückung von Menschen genutzt werden können wird im ersten Teil des Romans deutlich, in der Sigler in eine virtuelle Welt der Kriegsführung versetzt wird. Ähnlich wie in Fassbinders „Welt am Draht“ oder dem Film „Matrix“ erkennt die Hauptperson nicht, dass sie in einer virtuellen Welt lebt, die Situation erscheint kafkaesk.

Die Gefahren und die Konsequenzen einer Wissenschaften, die sich nur auf sich selbst bezieht, greift Franke auf, wenn er die Ereignisse in der Sphäre der Wissenschaftler schildert. Wissenschaft und Forschung sind scheinbar Selbstzweck geworden. Ein Ausweg scheint, dass Menschen die Herrschaft über die Technologien zurück gewinnen und externe moralische Kriterien an Technik anlegen. Dabei geht es nicht um Maschinenstürmerei, sondern um die Beherrschung der Möglichkeiten von Wissenschaft und Technik. Franke: „Die Räume des Handelns und Erlebens, die mit moderner Technik auf der Basis der Naturwissenschaft erschlossen werden, sind weitaus phantastischer als alle Hexen, Monster und Zauberer aus der Märchen- und Sagenwelt“ (Wikipedia: Herbert W. Franke, abgerufen 25.2.2020)

Ditmar Dath – Neptunation

Ditmar Dath (geb. 1970) versucht disparate Theme unter einen Hut zu bringen: Marxismus und Musik, Philosophie und Wissenschaftsgeschichte, Gentechnologie und Literatur. Mit dieser Multiversalität entsprechen seine Aktivitäten der aktuellen Situation von Naturwissenschaften und Technik:

In den letzten Jahren sind die Möglichkeiten, die in den technischen und wissenschaftlichen Entwicklungen liegen, explosionsartig gewachsen. Es scheint nichts mehr unmöglich zu sein. Gleichzeitig entpuppt sich die scheinbare Gewissheit über die Struktur des Wissens als Illusion. Gehirn und Geist, Quantenphysik, Astronomie, Biologie: überall wird deutlich, dass Wissen offener und ungesicherter ist als noch vor 30 Jahren. Die Vielfältigkeit der wissenschaftlichen Entwicklungen mündet immer mehr in Zersplitterung und Unsicherheit über die anzustrebenden Ziele. Diese Entwicklung verlängert Ditmar Dath in seinem Roman „Neptunation“ in die Zukunft.

Inhalt

2019: Ditmar Dath veröffentlicht ein knapp 700 Seiten langes textuelles Konglomerat aus Politikgeschichte, Gentechnologie, Western im Weltraum, Cyborgisierung der Menschheit, Kapitalismus, Sozialismus und noch vielmehr, was eines Menschen Phantasie und Verstand so hervorbringen kann.

1989 startet ein gemeinsames Weltraumunternehmen der noch real existierenden DDR gemeinsam mit der noch real existierenden UdSSR. Ziel ist die Erforschung des Weltraum außerhalb unseres Solarsystems. Irgendwo auf dem Weg in die unendlichen Weiten des Weltraums reißt der Kontakt in der Nähe des Neptuns ab. Dreißig Jahre später startet ein von China und der Bundesrepublik organisiertes Rettungsschiff zur Erkundung der Vorgänge im All. Auf dem Weg zum Neptun besteht die Mann/Frauschaft mehrere Herausforderungen und mörderische Ereignisse: Krieg im Weltraum, Kontakt mit außerirdischer Intelligenz, Feindschaften innerhalb der Crew. Endlich kommt ein Teil der Expedition kommt in die Nähe des Ziels.

Wissenschaftliche Illusionen

Diese Textflut ist nur schwer zu bewältigen. Unterschiedliche Themen werden von Dath durchaus kenntnisreich angesprochen: Politik, Physik, Mathematik, Linguistik, künstliche Intelligenz, Musik. So einfach runter zu lesen ist das Buch nicht, wenn man es ernst nimmt, es ist kein Schmöker, der einfach mal am Wochenende so runter gelesen wird.

Das Buch gewinnt seinen Reiz vor allem durch die Formulierung von Problemen vor wissenschaftlichem Hintergrund. Der Entwicklung von Wissenschaft und Technik, die Veränderungen von scheinbaren wissenschaftlichen Gewissheiten scheinen keine Grenzen zu haben. Gleichzeitig wirft die explosionsartige Entwicklung wissenschaftlicher Möglichkeiten neue Fragen auf, die nicht beantwortet sind. Diese Entwicklung ist auch nicht gradlinig, sie ist sprunghaft und immer bestimmt von Interessen und Zielen sozialer Gruppen.

Damit trifft Dath die aktuelle Situation von Wissenschaft. Es gibt immer weniger Gewissheiten, es ist vielmehr so, wie Brechts „der gute Mensch von Sezuan“ sagt: „Der Vorhang zu und alle Fragen offen.“