Staunen vor Erdkugel

Der Flaschenzug vermittelt im Physikunterricht die grundlegenden Kenntnisse zu Kraft, Weg oder Masse als physikalische Einheiten. Im Chemieunterricht lernen die SchülerInnen den Unterschied zwischen Laugen und Säuren. Und was erfahren Schülerinnen über die grundlegenden Begriffe der Informationstechnologien wie Vernetzung, Programmieren oder Datenbanken: Nichts.

Wie bisherige Medienbildung ergänzt werden kann, hat die Gesellschaft für Informatik (Größte Vereinigung der Informatiker in der Deutschland) mit dem Dagstuhl-Dreieck (https://gi.de/themen/beitrag/dagstuhl-erklaerung-bildung-in-der-digital-vernetzten-welt-1/) verdeutlicht. Wie Schule auf die technologischen Entwicklungen reagieren kann, hat der Chaos Computer Club in seiner Website zu „Chaos macht Schule“ dargestellt (https://www.ccc.de/schule).

Um Kompetenz in diesen Fragen zu erlangen und wenigstens in Grundzügen zu verstehen, wovon die Rede ist, wenn der Begriff „Digitalisierung“ fällt, muss ein Bestand an Basiswissen zur Hand sein. Wenn eine Physiklehrerin ihren SchülerInnen die Fallgesetze erklärt, dann weiß sie, was Multiplikation oder Exponentialfunktionen sind. Wenn ein Chemielehrer Bindungen erklärt, dann kennt er sich aus mit Atomen und Elektronen.

Welches Hintergrundwissen bringen aber die KollegInnen im Normalfall mit, wenn sie im Unterricht das Internet behandeln wollen? Was macht eine Lehrerin, die ihren SchülerInnen Vorgehensweisen bei der Verschlüsselung erklären will? Und wie kann man im PoWi-Unterricht erklären, welche technischen Entwicklungen die informationelle Selbstbestimmung gefährden oder fördern, wenn selbst die grundlegendsten Begriffe wie Big Data oder Algorithmus nicht geläufig sind?

Dabei kann es auf keinen Fall darum gehen, dass LehrerInnen oder SchülerInnen Programmieren lernen sollen. Damit ist ein kritischer Umgang mit den Informationstechnologien nicht automatisch erreicht. Das Erlernen der reinen Codierfähigkeit ohne Einbettung in sozialkritische Fragen ist mittlerweile ein großes Segment im Bildungsmarkt, das von Firmen wie Google, Microsoft oder Apple genutzt wird, um ihre Produkte an die Lehrerin oder die Eltern zu bringen. Kollege Scheppler hat das sehr schön in einem Interview im Deutschlandfunk klar gemacht (https://www.deutschlandfunk.de/minicomputer-im-klassenzimmer-an-calliope-scheiden-sich-die.680.de.html?dram:article_id=399302).

Am Beispiel „Programmieren“ kann aber auch deutlich werden, was informationstechnische Grundbildung heißen kann und soll. Die reinen Grundstrukturen, wie Programme aufgebaut sind, sind schnell zu erlernen. So liefert die Methode CS-unplugged (https://www.csunplugged.org/de/) oder die Beschäftigung mit „Scratch“ (https://scratch.mit.edu/) in kurzer Zeit Kenntnisse, wie ein Programmcode aufgebaut ist und dass der Mythos Algorithmus sich schnell als eine Sammlung von Befehlsfolgen eines Programms entpuppt.

Wenn man aber weiß, was Programme sind, ist der nächste notwendige Schritt zu fragen, unter welchen Bedingungen Software produziert wird. Wer entscheidet, welche Algorithmen in welchem Programm genutzt werden? Wer entscheidet, welche Daten wie verarbeitet werden? Und damit entsteht eine Folge weiterer Fragen wie z.B: was ist Open-Source-Code und warum gibt es ihn, oder auch: sind neuronale Netze denn nichts anderes als Softwareprogramme und welche Aufgaben haben sie?

Um diese Lücke im Wissensstand von KollegInnen zu beheben, müsste folgendes geschehen:

- Weitaus größere Anstrengung in der Ausbildung von Fachlehrern für Informatik

- Vermittlung von informationstechnischer Grundbildung für KollegInnen ohne Spezialistenwissen

Solche informationstechnische Grundbildung würde zum Beispiel folgende Themen umfassen:

  • Wie funktioniert das Internet unter technischen Aspekten?

  • Was ist Verschlüsselung?

  • Welche technischen Rahmenbedingungen beeinflussen meine Informationelle Selbstbestimmung?

  • Was ist Open-Software?

Hier wären besondere Anstrengungen in der Weiterbildung der KollegInnen von der Seite des Kultusministeriums erforderlich. Ein erster Schritte könnte sein, dass seitens des Kultusministeriums ein speziell auf die Erfordernisse der Digitalen Bildung angepasstes Fortbildungsprogramm erstellt wird. Flankierend dazu sollten den KollegInnen durch entsprechende Maßnahmen wie durch eine besondere Stundenentlastung die Möglichkeit gegeben werden, an einer solchen Fortbildung teilzunehmen. Sinnvoll ist sicher dann für die weitere Anwendung des erworbenen Wissens die Einrichtung der Stelle eines pädagogischen IT-Koordinators.

Die Mittel des Digitalpaktes könnten dazu verwendet werden, allerdings steht zu befürchten, dass über die Schulen wieder Silizium und Metall herabregnet, statt dass in die Konzeption einer kritischen informationstechnischen Grundbildung für LehrerInnen und Schülerinnen investiert wird.