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Am 21.8.2019 fand im Hessischen Landtag eine Anhörung zum Thema Digitalpakt statt. „Expertenwissen“ wurde u.a. vertreten vom Projekt „Chaos macht Schule“ im „Chaos Computer Club“, gefehlt hat leider die Gesellschaft für Informatik.

Bemerkenswert war, dass Digitalministerin Sinemus sich nicht damit zufrieden gegeben hat, lediglich für die technische Infrastruktur verantwortlich zu sein. Sie hat auch angekündigt, pädagogische Inhalte zu entwickeln.

So soll es eine „Servicestelle für verantwortungsvolle Mediennutzung“[1] geben, die Schülern helfen soll, im Netz zu navigieren und verantwortungsvoll damit umzugehen. Zum anderen möchte sie schauen, welche Investitionen das Digitalministerium vornehmen kann, „um früh genug über digitale Berufsbilder auch in den Schulen zu informieren“.

Aller diplomatischen Floskeln entkleidet, heißt dies nur, dass das Digitalministerium Aufgaben übernimmt, die das Hessische Kultusministerium über Jahrzehnte mit unglaublicher Ignoranz liegen gelassen hat.

Der Beitrag von Kultusminister Lorz stolperte von einem Gemeinplatz zum nächsten: Digitalisierung solle kein Selbstzweck sein und es werde immer auch analoge Lernumgebungen geben. Was denn sonst? Große Vorteile sieht er in den Lernstanderhebungen. Interessant, dass ihm zuerst die Kontrolle der SchülerInnen einfällt. Weiterhin preist er die Möglichkeit, Material für LehrerInnen bereitzustellen. Als ob es das nicht schon längst auf den unterschiedlichen Plattformen und dem mittlerweile sehr reichhaltigen Angebot von OER-Material angeboten würde.[2] Da hätte ein Blick auf die Bildungsserver in Baden Württemberg, Bayern oder Hamburg genügt und Herr Lorz wüsste, wo Lehrer ihr Material erhalten und schon jetzt nutzen können.

Die Pläne zu „pädagogische Unterstützung, Qualifizierung der Lehrkräfte, Medienkompetenz und Jugendmedienschutz sowie die technische Infrastruktur“ sind schwammig formuliert. Es fehlt das, was Steffen Haschler vom Projekt „Chaos macht Schule“[3] im „Chaos Computer Club“ eingefordert hat: Es müssen die Begrifflichkeiten geklärt werden, erst dann gibt es eine sinnvolle Diskussion.

Da fragt man sich schon, warum die GI (Gesellschaft für Informatik) nicht zur Anhörung eingeladen wurde. Immerhin ist sie neben dem Chaos Computer Club mit ca. 20.000 Mitgliedern die größte Vereinigung von Informatikern in Deutschland. Mehr Sachverstand auf einem Fleck zur Klärung digitaler Begrifflichkeiten findet man nicht.

Offene Baustellen zum Thema „Bildung in der Digitalen Welt“ gibt es reichlich

Praxisbeirat

Wer kommt wie in den Praxisbeirat? Ein abschreckendes Beispiel, wie es nicht laufen sollte, ist die Zusammensetzung des “Rats für Digitalethik“: Neben Bischöfen gibt es weitgehend nur Vertreter der Wirtschaft. Repräsentanten von kritischen Organisationen gibt es nicht, Vertreter der „jungen Generation“ sind dann die Lochis. Peinlich.

Schulportal

Jeder Softwareentwickler weiß, dass die Voraussetzung für das Gelingen eines Projekts eine möglichst genaue und umfassende Anforderungsdefinition ist. Es ist kein Konzept bekannt, was das Schulportal leisten soll? In welchem Umfang wird denn das Schulportal an den angeblich 520 Schulen tatsächlich genutzt? Warum wird eine individuelle Software entwickelt, wenn es doch bereits anerkannte Software wie Moodle gibt?

Einflussnahme großer Konzerne auf Schulinhalte

Die Anschaffung von iPads ist teurer als die von Android-Tablets und bringt die Schulen in Abhängigkeit von einem Hersteller. Die Nutzung von Office365 ist aus datenschutzrechtlichen Gründen nicht zu verantworten. Lernprogramme von Google, Microsoft oder Apple bringen den Kindern und Jugendlichen reine Codierungsfähigkeiten bei, aber nicht den kritischen Umgang damit. Wie also könnte ein Konzept aussehen, dass die Lehrerinnen und Lehrer sowie die Kinder und Jugendlichen nicht den Einflüssen und Interessen dieser Konzerne unterworfen werden?

Aus- und Fortbildung

Es gibt kaum Konzepte zur LehrerInnenfortbildung im Digitalen. Die geringe Nachfrage (8500 in Hessen, nur Anwendungswissen) spricht Bände. Dass hier dringend neue Wege gegangen werden müssen, haben neben vielen Anderen auch Steffen Haschler und Ekinci vom Landeselternbeirat deutlich gesagt: Es müssen Freiräume geschaffen werden mit Verpflichtung der LehrerInnen zu Weiterbildung in diesem Bereich.

IT-Verwaltung

Meistens wird die Verwaltung von Schulnetzen ausgesuchten Lehrern zugemutet. Sie müssen dafür die gleiche Arbeit leisten, die ein gelernter IT-Administrator in einer Vollzeitstelle durchführt. Neben ihrer lächerlichen Entlastung von wenigen Schulstunden müssen sie ihren normalen Unterricht halten. Dass dabei die Infrastruktur nicht die Qualität haben kann, wie erforderlich ist, liegt auf der Hand.

Medienbildungskonzepte

Die vom Hessischen Kultusministerium empfohlenen Konzepte der Medienbildung sind aus den 90er Jahren. In diesen Konzepten wird immer auf die Nutzung der Geräte abgehoben. Dass die Entwicklung der Digitalisierung große Möglichkeiten bietet, selbst aktiv neue Technologien zu benutzen, fällt dabei unter den Tisch.

Erziehung zur Demokratie ist aber nicht nur zu lernen, wie ich vorgegebene Strukturen nutze, sondern die Möglichkeit der aktiven Aneignung und Gestaltung. Wesentlich weiter als das, was der Hessischer KuMi anbietet, sind die im Dagstuhl-Dreieck (http://www.dagstuhl-dreieck.de/) entworfenen Konzepte.

Links

[1] Das komplette Protokoll: https://hessischer-landtag.de/sites/default/files/scald/files/KPA-KB-06-DDA-KB-05-oeff.Anh_.-ohne_BP_mA.pdf

[2] Poltitische Bildung tut not: https://www.bpb.de/lernen/digitale-bildung/oer-material-fuer-alle/

[3] Stellungnahme CmS im CCC https://www.ccc.de/de/updates/2019/digitalpakthessen